Dentaler Steinlaus-Notfall

Von Dr. Kostka von Liebinsfeld, Waldesch

Dieser Notdienst verlief anders als üblich. Der Anruf eines Mitarbeiters des städtischen Amtes für Natur- und Tierschutz kündigte mir einen Schmerzpatienten an, der, wie sich bald herausstellte, das gesamte Praxiskonzept auf den Kopf stellen sollte.

Dokumentation prae operationem

Dokumentation prae operationem

Kurz darauf klingelte es. Der Anrufer trat ein und legte eine Streichholzschachtel auf den Behandlungstisch mit dem Hinweis ab, dass sich darin der Patient befinde. Ungläubig öffnete ich die Schachtel und erkannte unter der Lupenbrille das ausgewachsene Exemplar einer Steinlaus.

Zur Anamnese gab der Überbringer an, dass er im Rahmen seiner Tätigkeit als Fledermausbeauftragter mit seinem BAT-Detektor untypische Ultraschallsignale mit einer Frequenz von 20 kHz aufgefangen hat. Die Ortung führte zu einem Mauersegment der Berliner Mauer, das als Mahnmahl aufgestellt war (siehe: „Mauerfall verbreitete Steinlaus„). In einem Riss entdeckte er die Steinlaus als Schallquelle. Ursache dieser Signale, vermutlich Schmerzlaute, war ein frakturierter Nagezahn.

Ich erstarrte und erinnerte mich mit Schrecken.
Folgendes gehört nicht in eine Krankengeschichte, aber da es für die Steinlausforschung von Bedeutung sein kann, will ich in einem separaten Absatz davon berichten:

Auf einem Medizinerball machte ich meinen Freund S.M. auf eine attraktive vermutliche Kommilitonin aufmerksam, für die ich mangelns Kennenlernen schwärmte. Auch diesmal hatte ich kein Glück. Sie verschwand so schnell wie sie kam.
Ohne Argwohn nahm ich zur Kenntnis, dass sich S. M. in der Zoologie erfolgreich um eine Dissertation bewarb, obwohl ihn dieses Fach nie interessierte. Eines Tages erschien er mit einem Kopfverband wie jemand, der bei der Mensur mehrere Kopftreffer erhalten hat. Vor anderen bestätigte er diesen Eindruck, aber mir erzählte er das wahre Geschehen:

Hinter meinem Rücken hatte er herausgefunden, dass die von mir favorisierte Dame als Assistentin in der Zoologie arbeitet. Da sie auch ihm gefiel, nahm er die Mühen einer experimentellen Arbeit an, um ihr nicht nur nahe zu sein. Das Thema lautete: „Das Kletterverhalten der Kopflaus (Pediculus humanis capitis) in Abhängigkeit von alkoholischen Haartinkturen“.

Das Schicksal fügte es, dass trotz strenger hygienischer Standards bei Abrissarbeiten einige Exemplare der Steinlaus über die Klimaanlage in die Kulturen der Kopflaus gelangten. Die Eigenschaften der Kreuzung Stein-Kopflaus waren sehr problematisch: Die Schutzhandschuhe waren schnell perforiert und eine Infektion breitete sich über das gesamte Haarkleid von S.M. aus. Die Haare wurden einschließlich der Follikel radikal abgefressen. Der Anblick war so grauenhaft, dass S. M. nur noch mit dem Turban herumlief, aus Respekt vor den „possierlichen Tierchen“ die Zoologie für immer verlies und ihn die Assistentin.
Kurz danach kam es zu einem Brand im Labor. Nach Angaben des Brandsachverständigen hatten die Stein-Kopfläuse in ihrer Fressgier einen Kurzschluss verursacht. Übrigens: S. M. gab der Stein-Kopflaus-Kreuzung nach der Genesung den Namen:

„Petrophaga lorioti rabiata omnivoris.“

Dokumentation post operationem

Dokumentation post operationem

Soweit die Schilderung des Vorfalls aus der Studienzeit. Um sicherzugehen, nicht auch Opfer der Stein-Kopflaus zu werden, wurde mir im Pschyrembel bestätigt, dass es sich bei meinem Patienten um eine reinrassige Petrophaga lorioti handelt.
Erleichtert betrachtete ich die Steinlaus zur besseren Diagnostik unter dem Operationsmikroskop. Plötzliche rhythmische akustische Signale aus dem BAT-Detektor überraschten uns. Sie erinnerten mit ihren kurzen und langen Phasen an das Morsealphabet. Tatsächlich ließen sich über den angeschlossenen Computer Morsesignale graphisch aufzeichnen. 1. entschlüsselte Mitteilung: „Das Licht ist zu hell!“ Kleinste Abdeckungen aus Pauspapier legte ich der Steinlaus auf die Augen und konnte daraufhin uneingeschränkt die Untersuchung vornehmen.

Sie ergab einen tief frakturierten linken oberen Nagezahn mit freiliegender Pulpa. Therapeutisch ergab sich eine Vitalextirpation, Wurzelfüllung mit intraradikulärem Retentionsstift. Die aufgebaute Schmelz-Dentin adhäsive Füllung überstand den ersten Probebiss in einen Schleifstein nicht. Alternativ wurde aus einem Diamantschleifkörper ein zahnförmiges Kristall herausgebrochen, in Kronenform geschliffen und auf dem Zahnstumpf zementiert. Das Ergebnis war optisch überzeugend und auch funktionell nach einem Biss in die Pinzette. 2. Morsesignal: „Finde Versorgung brillant. Empfehle Sie weiter!“

Da ich mir nicht sicher war, ob ich nicht auch die gefürchteten „Petrophaga lorioti rabiata omnivoris“ als Patienten zu erwarten hatte, habe ich mich, ebenfalls wie Prof Dr. S. M., ins Privatleben zurückgezogen. Ein Blick in den Spiegel lässt einen Verdacht aufkommen: Übrig blieb vom Haarschopf nur der Kopf!

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Ihre Beiträge, Steinlausforschnung

Eine Antwort zu “Dentaler Steinlaus-Notfall

  1. Pingback: Fazit: Standortbestimmung Steinlausforschung « Pschyrembel Weblog

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s